Von der Hexenverbrennung zur Winteraustreibung

Einer Auslegung, dass die Fasnetgestalt der Hexe und die mit Ihr verbundenen Bräuche von den hauptsächlich im Mittelalter stattgefundenen Hexenprozessen und Hexenverbrennungen abgeleitet wurde, steht die Auffassung gegenüber, dass aus dem “Wildem Weib”, der Partnerin des “Wilden Mannes”, im Laufe der Jahrhunderte die Hexe geworden ist. Da sie das Erbarmungslose, Unheimliche und Kaltherzige verkörpert, daher also auch mit dem unfruchtbaren, Lebens zerstörenden Winter gewisse Parallelen aufweist, wurde sie auch als ein Wesen angesehen, das man wie die in dieser Jahreszeit herrschenden Geister vertreiben musste (vgl. Heinz Wintermantel, Hoorig, hoorig isch die Katz, k. Theiss Verlag, Stuttgart 1978)

Firesocks

 

fs09Von diesem historischen Hintergrund betrachtet ist die spektakuläre, im weitem Umkreis einmalige Winteraustreibung der Donaueschinger Schellenberg-Hexen Traditionspflege im wahrsten Sinne des Wortes, denn nicht – wie häufig angenommen – die Verbrennung einer Hexe, sondern die Vertreibung des Winters steht im Mittelpunkt der seit über drei Jahrzehnten abgehaltenen Veranstaltung. Sie findet seit bestehen des Hexenballs mit Nachtumzug und eben dieser Winteraustreibung immer am Fastnachtsfreitag statt.

Mittlerweile musikalisch umrahmt durch zumeist aus der nahen Schweiz angereiste Guggenmusiken, versammeln sich neben unzähligen Donaueschinger Fasnetbegeisterten, Teilnehmern des vorausgegangenen Nachtumzugs durch die Innenstadt am alten Festhallenplatz und fiebern in teils klirrender Kälte der bevorstehenden Winteraustreibung entgegen.

Herumgeisternde Hexen füllen allmählich den Platz, und verteilen sich um die bisfs12 zu fünf Meter hoch aufgebauten Reiswellen, die von den männlichen Aktiven der Zunft, im vorangegangenen Sommer zusammengetragen wurden. Ein imposantes Feuerwerk im nächtlichen Abendhimmel ist nun der Auftakt zur endgültigen Vertreibung der kalten Jahreszeit.

Die Figur des Winters erscheint im Rund, wird immer mehr in die Enge getrieben und kommt schließlich in dem nun entfachten lichterloh brennenden Hexenfeuer um. Der Platz an der Brigach ist erleuchtet durch die in den Nachthimmel emporsteigenden Flammen und die Zuschauer beobachten gespannt die sich für ihre waghalsigen Sprünge vorbereitenden Schellenberg-Hexen.

Feuer1Ein spektakulärer Sprung durch die immer noch bis zu fünf Meter hohen Flammen folgt dem anderen, Paarsprünge und sogar Einlagen wie durch das Flammenmeer geschlagene akrobatische Räder sorgen für Begeisterung und Respekt vor dem Mut der Springer.

Das das Ganze nicht ungefährlich ist, beweisen immer einmal wieder notwendige Hilfseinsätze der örtlichen Feuerwehr, doch gingen bisher, außer versengten Augenbrauen, angebrannte Zöpfe, Kopftücher und Hexenhäsern, alle Zwischenfälle glimpflich aus, wozu auch feuerfeste Kapuzen, Handschuhe, Unterwäsche, festes Schuhwerk und letztlich stabile Sprungbesen die dennoch ab und an durchbrechen ob der immensen Belastung beitrugen. Dennoch bleibt ein gewisses Restrisiko, sportliche Fitness und viel Erfahrung garantieren trotzdem auch in Zukunft bleibende Eindrücke bei all denen, die auf der Baar einmaligen Spektakel beigewohnt haben.